![]() Herbert A. Rößler ... Mehr als sechzehn Stunden nach seiner Abreise von Chicago hob die Boeing 747 der Northwest Orient Airlines rumpelnd von der Startbahn ab und stieg steil in die Wolken über Tokio. Frieder hatte dort umsteigen müssen und konnte jetzt behaupten, schon in Japan gewesen zu sein, obwohl er natürlich nur einen kleinen Bereich des Flughafens gesehen hatte. Der Flug nach Taipei war recht kurz und so gewann das Flugzeug schnell an Höhe und ließ die Wolken, die zu einigen Turbulenzen geführt hatten, bald unter sich. Das komische Gefühl, das Frieder während der Wackelei gespürt hatte, verschwand jedoch nicht, obwohl das Flugzeug ruhig in der Luft lag und die Stewardessen begannen, einen Imbiss zu servieren. Frieder kaute das gereichte Sandwich hastig, in der Hoffnung dadurch das flaue Gefühl bekämpfen zu können. Weder das Schinkenbrötchen noch die Cola änderten etwas an seinem Zustand. Frieder schaute aus dem Fenster und konnte durch Lücken in der Wolkendecke das Meer erkennen. Weiße Flecken auf dessen Oberfläche ließen darauf schließen, dass es sehr aufgewühlt war. Aufgewühlt, dachte Frieder, genau das bin ich, aufgewühlt. Noch nie zuvor hatte er eine solche Unsicherheit, sogar Angst verspürt, wenn er etwas Neues begonnen hatte. Jetzt aber fragte er sich, was um alles in der Welt er hier in Taiwan wollte. Er kannte niemanden, hatte noch nie als Lehrer gearbeitet, und sein Chinesisch war nur passabel. Nichts was Professor Ting-Ho gesagt hatte, tröstete ihn jetzt. Er sollte Universitätsstudenten unterrichten? Er sollte sich alleine in Taiwan zurecht finden? Im Augenblick hätte er sogar das enge Deutschland vorgezogen, sich gerne in das gemachte Bett gelegt und die köstliche Küche seiner Mutter genossen. Noch schöner wäre es allerdings, wieder in Iowa leben zu können, mit den vielen Freunden, die er dort gefunden hatte, und die ihn bestimmt so vermissten, wie er sie. Es tat einen Schlag, als das Flugzeug in eine Wolke eintauchte. Sie sackte einige Meter ab und ein paar Leute schrien. Frieder klammerte sich an die Armlehnen, während die Flugbegleiter eilig Tabletts und Becher einräumten. Die Anschnallzeichen waren wieder angeschaltet worden und die Nase des Flugzeuges schien steil nach unten zu zeigen. Vor dem Fenster war es grau geworden und schon prasselte Regen laut an die Bordwände. Die Maschine wurde hin und her geworfen, stieg plötzlich in die Höhe und sackte gleich darauf wieder ab. Frieder betete, wobei er nicht genau wusste wofür er beten sollte. Vielleicht wäre es das Beste, wenn er Taiwan nie erreichte, aber sterben wollte er auch nicht. Besonders vor dem Hintergrund, dass er sich während der Wartezeit am Flughafen in der Toilette selbst befriedigt hatte. Wie hatte er das nur tun können? Andererseits schien es ihm lächerlich, dass er in San Francisco noch in Erwägung gezogen hatte, einen homosexuellen Lebensstil annehmen zum wollen, sich dann aber wegen dieser Sünde so schuldig zu fühlen. Ein lauter Knall und ein helles Licht vor dem Fenster ließen darauf schließen, dass gerade ein Blitz eingeschlagen hatte. Aber konnte ein Blitz überhaupt in ein Flugzeug einschlagen? Gabe es da nicht was mit einem Farady’schen Käfig? Der Kapitän meldete sich über die Lautsprecher, seine Stimme wackelte synchron mit dem Fluzeug, und versicherte den Passagieren, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Blitze könnten modernen Verkehrsflugzeugen nichts anhaben und sie würden bald aus der Wetterfront herauskommen und in Taipei landen. Frieder versprach Gott, dass er sich weiterhin um einen lauteren Lebensstil bemühen würde, wenn er heil herunter käme, dann jedoch schimpfte er wieder mit ihm. Schließlich war es seine Schuld, dass er so geboren worden war, wie er nun einmal war. Weder das eine noch das andere Verhalten änderte jedoch etwas an den wilden Flugbewegungen, dem Prasseln des Regens und der fehlenden Sicht aus dem Fenster. Schließlich murmelte Frieder nur noch: „Dein Wille geschehe, dein Wille geschehe.“ Noch einmal wurde das riesige Flugzeug geschüttelt, als ob es in einer riesigen Faust gefangen sei, und dann kehrte Ruhe ein. Aus dem Fenster konnte man die Meeresoberfläche und zahlreiche Schiffe erkennen. In der Ferne war die Küste der Insel sichtbar und in einigen Hochhäusern war bereits die Beleuchtung eingeschaltet. Es wurde schnell dunkel. Als sie sanft aufsetzten, sah man bereits nur noch die blinkenden Lichter anderer Flugzeuge, die bunte Befeuerung der Rollbahnen und in der Ferne das neu erbaute Terminal des Chiang- Kai Chek Flughafens. Während der Turbulenzen war Frieder vom eigentlichen Grund seines Unwohlseins abgelenkt gewesen, aber jetzt war das Gefühl wieder zurückgekehrt. Wo würde er heute Abend übernachten? Wie würde er morgen weiter nach Taichung kommen, und würde er an der Universität überhaupt jemanden antreffen? Schließlich waren noch drei Wochen Sommerferien. Er sollte sich in zehn Tagen im Sekretariat der Englischabteilung melden und plötzlich erschien es im äußerst dumm, schon so früh angereist zu sein. ... Die Tunghai-Universität war über die Stadtgrenzen hinaus für ihre Architektur bekannt. In einem großen parkähnlichen Wald gelegen, waren die einzelnen Gebäude im Stil der Tang- Dynastie gebaut und in einem zentralen Bereich stand nach den Plänen des Architekten Ieoh Ming Pei, der dort seinen Abschluss gemacht hatte, eine Kapelle, die mit zwei direkt am Boden beginnenden, geschwungenen Dachhälften, an betende Hände erinnerte. Augenscheinlich von der abweisenden Haltung Miss Xus frustriert, hastete Xia Ho über den Campus, an der Kapelle vorbei einen kleinen Hügel hinunter. Es war nur der Tatsache zu verdanken, dass es bergab ging, dass Frieder einigermaßen Schritt halten konnte, auch wenn ihm das Hemd schon wieder an Brust und Rücken klebte. Durch eine Baumgruppe schimmerte ein einstöckiges, ursprünglich weiß verputztes Gebäude. Regenfälle und von den Bäumen heruntergefallene Blätter und Zweige hatten das Weiß an vielen Stellen grau oder braun gefärbt. „Was heißt eigentlich nan bai gong?“, keuchte Frieder in der Hoffnung, dass seine Frage Xiao Ho zum Anhalten bewegen würde. Frieder hatte Glück, denn der Student setzte den Seesack ab und drehte sich um. „Nan bai gong ist das Wohnheim für alleinstehende männliche Lehrer. Heißt eigentlich Weißes Haus der Männer. Es gibt auch noch ein nü bai gong für die Frauen, aber das ist ein ganzes Stück weg. Schließlich ist das ja eine christliche Universität.“ Es war Frieder nicht bewusst gewesen, dass er an einer christlichen Einrichtung arbeiten würde. In der Aufregung, überhaupt diese Stelle zu bekommen, hatte er sich nicht weiter informiert. Hoffentlich hieß das nicht, dass er jeden Tag in den Gottesdienst musste. Aber es wär wohl auch nicht das Schlechteste. Die christliche Umgebung würde ihn vielleicht von Dingen, die er sich vor ein paar Wochen, oder sogar am frühen Nachmittag in der Toilette des Busbahnhofs noch vorgestellt hatte, fern halten. Xiao Ho nahm den Seesack wieder hoch, ging zum Weißen Haus für Männer und rief etwas in den Flur hinein. Dieser Flur verlief durch die Mitte des Gebäudes und links und rechts gingen Türen zu den einzelnen Zimmern ab. Ein älterer Mann in blauer Arbeiterkluft schlurfte um die Ecke und redete grimmig mit dem Studenten. Der zeigte auf Frieder, was der Mann mit einer kurzen Verbeugung quittierte. Frieder verbeugte sich ebenfalls und folgte dem Mann in den schummrigen Flur. Eine Tür wurde aufgeschlossen, der Schlüssel ihm in die Hand gedrückt und dann entfernte sich der ältere Mann ohne weiteren Kommentar oder Gruß. Frieder betrat das geräumige Zimmer, in dem sich, neben einem Schrank und einem Schreibtisch mit Stuhl, ein Bett befand, das statt einer Matratze nur eine Spanplatte hatte. Diese war jedoch farbenfroh und fantasievoll lackiert. Als Frieder seine Tasche fallen ließ, huschte eine knapp handtellergroße Spinne unter dem Bett hervor und verschwand durch eine Lücke unter der Tür. Frieder schrie auf, während Xia Ho nur den Kopf schüttelte. „Da musst du schnell sein, um die zu erwischen“, meinte er. „Das kann ich nicht. Ich kann so ein großes Ding nicht erschlagen. Und womit denn?“ „Eine Fliegenklatsche brauchst du sowieso“, erklärte Xia Ho. „Abends gibt es viele Moskitos. Eigentlich brauchst du viele Sachen.“ Nebenbei zog er die Schreibtischschublade auf und drei weitere Spinnen huschten hervor. Als sich Frieder genauer umsah, entdeckte er noch eine an der Decke und eine an der Gardinenstange. Xiao Ho hatte den Kleiderschrank geöffnet und deutete auf weitere Spinnen an der Hinterwand. „Schlecht sind die ja nicht, sie fressen Moskitos. Aber ich möchte auch nicht mit so vielen zusammenwohnen.“ Frieder war ganz weinerlich zumute. Ungeziefer war ihm ohnehin zuwider und dann noch so riesige Spinnen. „Lass kein Essen herumstehen“, warnte ihn der Student. „Das zieht die Kakerlaken an. Und lass die Terrassentür nicht offen. Nicht dass sich eine Schlange verirrt.“ „Schlangen?“, keuchte Frieder. „Schlangen gibt es auch?“ „Ja klar! Die Japaner hatten ja Taiwan lange besetzt und in den Bergen jede Menge biologische Versuchsstationen, auch mit Schlangen. Als sie nach dem Krieg abgezogen sind, haben sie einfach alles zurück gelassen, auch die Schlangen. Die haben sich dann vermehrt und jetzt gibt es so ziemlich alle Sorten hier.“ Während Frieder entsetzt zuhörte sah er aus dem Augenwinkel etwas unter der Zimmertür hereinkriechen. Es war braun und gute zehn Zentimeter lang. „Was ist denn das?“, schrie er. „Was will das Ding hier?“ „Ach, das ist ein Tausendfüßler“, sagte Xia Ho und trat auf das Tier, das mit einem gut hörbaren Knirschen sein Leben verlor. „Da musst du auch ein bisschen aufpassen. Die sind nämlich giftig. Meistens nicht tödlich, aber vor Kurzem ist einer Frau an der Haustür einer davon ins Dekolleté gefallen und da das Gift so nahe am Herzen war, ist sie doch gestorben. Aber das ist wirklich ganz selten.“ Frieders Lippen zitterten. Er konnte kaum einen Gedanken fassen und wollte am liebsten sofort wieder weg. Er wäre auch auf direktem Weg nach Deutschland geflogen, wenn es ihn aus dieser Hölle gerettet hätte. Eine Klimaanlage gab es in dem Zimmer auch nicht, und es roch nach Schimmel und Abfluss. Es fiel ihm auf, dass es weder ein Waschbecken noch eine Nasszelle gab. Eigentlich interessierte es ihn gar nicht mehr, aber dennoch fragte er seinen Begleiter danach. „Die Duschen und Toiletten sind am Ende des Ganges. Wir können ja mal hingehen. Sie machten sich auf den Weg und der Anblick des Badebereiches verbesserte Frieders Stimmung keineswegs. Die Duschkabinen waren nach oben hin offen. Allerlei Viehzeug konnte einen also angreifen und die Toiletten wiederum waren unten offen und verschafften kriechenden Feinden Zutritt. Der Raum mit den Waschbecken hatte wenigstens durchgehende Wände und eine Decke, war aber dringend renovierungsbedürftig. „Und wenn du duschen willst, dann musst du hier Feuer machen.“ Xiao Ho zeigte ihm einen Badeofen, in der Art wie ihn Frieder aus seiner Zeit in Rehbach kannte. Es gab also nicht immer heißes Wasser. leseprobe - Am anderen Ufer ![]() |