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Herbert A. Rößler

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Alles lief perfekt. Frieder konnte sich an die Gebete erinnern, ging zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle und es war ihm auch gelungen, seinen Lachreiz zu unterdrücken, als sein Blick einmal auf Alwine und Heidi in der zweiten Reihe fiel. Alwine blickte ernst und konzentriert, während Heidi Fratzen schnitt. Dann kam die Wandlung. Wenn der Leib und danach das Blut Christi hochgehoben wurden, nahmen zwei der Messdiener je einen Schellenkranz und klingelten. Normalerweise machten das erfahrene Messdiener, aber Frieder war so versessen darauf gewesen, dass man ihm erlaubt hatte, es schon bei seinem ersten Einsatz zu tun. Schließlich würde er ja auch im Amt dienen. Zahlreiche Male hatte er geübt, wie man die Schellen hochhob, ohne dass sie verfrüht durch zufälliges Aneinanderstoßen klingelten, wie man locker aus dem Handgelenk die Glöckchen schwenkte, um den richtigen Rhythmus und die richtige Lautstärke zu erreichen, und wie man das Ganze wieder auf dem Marmorboden absetzte, ohne dass es schepperte und die Andacht störte. Mit Herzklopfen kniete sich Frieder hin, beobachtete den Pfarrer und hörte angestrengt auf dessen gemurmelte Worte Endlich hob er die Hostie. Frieder hatte die Schellen schon in der Hand, lautlos hatte er sie hochgehoben. Und schwungvoll bewegte er sie mit leichter Hand nach vorne und oben. Womit weder er noch Frau West gerechnet hatte, war die Tatsache, dass die Kutte ihn so beengte, dass sein Arm schlagartig in seiner Bewegung gestoppt wurde. Die Schellen lösten sich aus seiner lockeren Umklammerung und setzten ihre Bahn nach vorne und oben fort. Der Rest geschah für Frieder wie in Zeitlupe. Die Glöckchen flogen, seine rechte Hand war leer und von gegenüber erklang das vertraute Schellen. In Panik zwar, aber in der Hoffnung, den entflohenen Schellenkranz noch auffangen zu können, streckte er beide Arme aus. Aber die Bewegungsfreiheit des linken Armes war genauso eingeschränkt wie die des rechten. Mit angewinkelten Armen kniete er da, unfähig, den Lauf des Schicksals zu beeinflussen, und beobachtete, wie sich die Schellen langsam auf den Marmor zu bewegten. Mit letzter Kraft zerrte Frieder an seinen gefangenen Armen, lehnte sich ruckartig nach vorne und wollte das Unmögliche möglich machen. Gerade landete der Schellenkranz mit einem riesigen Scheppern auf den Altarstufen, als Frieder das Gleichgewicht verlor. Er hatte sich hingekniet, ohne seine Robe hochzunehmen, und fiel dadurch vornüber auf die Schellen. Ein weiteres Scheppern folgte, und Frieder schrie vor Schmerz auf, als seine Nase auf das Metall traf. Am Altar hatte der Pfarrer vor Schreck die Hostie fallen lassen und von der zweiten Bank kam lautes Gelächter, welches aber durch das Schallen einer Ohrfeige abrupt beendet wurde.
Frieder wünschte sich nichts mehr, als dass sich ein Loch auftäte, und wäre es der direkte Zugang zur Hölle. Es herrschte Totenstille. Der Priester hatte inzwischen die Hostie wieder aufgehoben und hielt jetzt den Kelch hoch, aber der andere Ministrant war wohl so schockiert, dass er das Läuten vergaß und der Wein lautlos zum Blut Christi werden musste.
Frieder wusste nicht, was tun. Er traute sich nicht, auf den Pfarrer zu schauen, konnte nicht auf die Unterstützung seiner Familie hoffen, und wagte schon gar nicht, die anderen Messdiener anzublicken. Mit gesenktem Blick beendete er die Messe, verweigerte die Kommunion und schritt nach dem Segen mit zitternden Knien zur Sakristei. Dort stand schon Frau West.

Langsam schälte er sich aus seiner Robe. Auf der rechten Seite war die Naht im Achselbereich geplatzt, was Frieder erneut zum Schluchzen brachte.
»Ach, das ist doch nicht so schlimm«, meinte Frau West. »Das ist gleich geflickt. Und wir müssen dir eine größere Kutte besorgen.«
Frieder strich sich mit dem Handrücken über die schmerzende Nase und sah, wie Frau West alles für das Amt vorbereite. Er verabschiedete er sich und öffnete die Tür ins Freie einen Spalt. Gott sei Dank war niemand mehr zu sehen und Frieder konnte unerkannt entkommen.
Vor der Bahnhofstür zögerte er. Bestimmt erwartete ihn ein Donnerwetter daheim. Ewig konnte er nicht herum stehen, und endlich traute er sich durch den Wartesaal und die Treppe hoch. Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen und leise trat Frieder ein. Der Rest der Familie saß am Küchentisch. Heidi lachte inzwischen wieder, Alwine hatte immer noch vor Schreck geweitete Augen, und Herr und Frau Klettberg stand der Zorn ins Gesicht geschrieben.

 
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Inzwischen waren es noch fünfzehn Minuten bis Mitternacht und Frieder schaute zum zehnten Mal nach, auf welchem Gleis der Zug abfuhr, und wann er ankommen sollte. Er bemerkte nicht, dass jemand hinter ihn getreten war.
»Allo«, hauchte ihm jemand mit französischem Akzent ins Ohr. »Wo-in fährst du?«
Frieder drehte sich ruckartig herum und blickte direkt in das lächelnde Gesicht des Dunkelhäutigen. Er öffnete seinen Mund, bekam jedoch keinen Ton heraus. So nahe war er einem von denen noch nie gekommen.
»Fährst du mit dem Zug kurz nak Mitternackt?«
Frieder hätte über das
Mitternackt schmunzeln müssen, wenn die Sache nicht so kritisch gewesen wäre.
»Ja. Warum?«
»Gut, dann fahren wir zusammen.«
Frieder spürte wie er errötete, drehte sich etwas zur Seite und überlegte krampfhaft, wie er sich verhalten sollte.
Frieder nickte, hielt seine Umhängetasche krampfhaft fest und hob seinen Koffer hoch. »Ich geh jetzt zum Gleis. Auf Wiedersehn.«
»Isch ge-e doch mit.
Doucement, doucement.«
Diese Worte kannte Frieder von Tante Jule und plötzlich fühlte er sich nicht mehr so bedroht. Trotzdem nahm er seine Sachen und strebte dem Ausgang zu. Der Dunkelhäutige folgte ihm und wich auch auf dem Bahnsteig nicht von seiner Seite. Frieder wurde das Schweigen unangenehm, so fragte er: »Sinn sie aus Frankreich?«
»Non«, antwortete der junge Mann. »Isch komme aus Algerie! Kennst du das?«
»Nää.«
»Eine wunderbare Land.
En Afrique. Im Norden.«
»Ach so!« Natürlich hatte Frieder schon von Algerien gehört, aber er wusste nichts Näheres darüber. Gern hätte er mehr gefragt, aber er wollte sein Gegenüber nicht noch ermutigen.
Wieder schwiegen die beiden, bis endlich die Lautsprecherdurchsage die bevorstehende Ankunft des Nachtexpress über Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Ulm und Augsburg ankündigte.
»Komm, wir gehen nach vorne. Da ist vielleischt mehr Platz«, hauchte der Algerier Frieder wieder ins Ohr. Frieder hatte das Gefühl, dass er ihm dabei ins Ohr geblasen hatte, aber wahrscheinlich war es nur ein Windhauch, wenn auch ein sehr warmer.
»Vorne ist die erscht Klass«, belehrte ihn Frieder.
»Gut, dann bleiben wir ier«.
Mit lautem Quietschen und einem kalten Windhauch brauste der Zug in den Bahnhof ein. »Wie eißt du eigentlisch«, schrie der Algerier über das Kreischen des sich verlangsamenden Zuges.
»Klettberg«, antwortete Frieder und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Es war ja nicht nötig, dass der Fremde alles wusste. Allerdings war es jetzt zu spät.
»Und deine
prénom, äh deine Vornam?«
»Frieder.«
»
Enchanté. Je m’apelle Ahmed. Ahmed ist meine Nam.«
Frieder nickte, nahm seinen Koffer und stellte sich an einer der Türen an. Nur wenige Leute stiegen in Altendorf aus, und außer Frieder und seinem Begleiter stiegen auch nur noch drei Menschen in den Zug. Gerade als Frieder die Treppe bestieg, spürte er ein Kribbeln an seinem Hintern und in seiner Schamgegend. Er nahm eine zweite Stufe, und das Gefühl wurde intensiver. Mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken erkannte er, dass Ahmed mit seiner Hand an Frieders Poritze entlang streichelte. Eine Abwehr war nicht möglich, mit dem Koffer in einer und der Umhängetasche in der anderen Hand. Schneller vorwärts kommen konnte er auch nicht, denn im Zug selber herrschte in Riesengedränge. Viele Franzosen und das halbe Saarland schienen in den Süden zu fahren. Die Abteile waren alle belegt, und war einmal ein Platz frei, dann war er reserviert. Frieder ließ die Berührungen über sich ergehen und hoffte, dass im Halbdunkel des Zuges keiner die Beule in seinem Schritt bemerkte. Leider hatte er seine Windjacke offen, sie spannte zu sehr, um sie bequem geschlossen zu tragen.
Frieder und Ahmed blieb nichts anderes übrig, als zwei Klappsitze im Gang des Zuges herunterzulassen und sich dort hinzusetzen. Gerade streckte sich Frieder, um seinen Koffer in die Gepäckablage zu heben, da fasste Ahmed ihm ungeniert zwischen die Beine und bekam seine Erektion zu spüren. Fast hätte Frieder den Koffer fallen lassen. Beherzt schlug er Ahmeds Hand weg.
»Ab isch mir gedacht.gedackt. Dicke Jungs aben immer klein Schwänze.«
Inzwischen fuhr der Zug wieder durch die Nacht und es war Ruhe eingekehrt. Schockiert und doch fasziniert saß Frieder im Dämmerlicht.
»Ier«, sagte der MarokkanerAlgerier plötzlich und nahm Frieders Hand. »Schau mal, was ein rischtiger Mann at.« Frieder traute seinen Augen kaum. Der andere hatte seine Hose geöffnet und seine bläulich-rote Erektion steckte kerzengerade durch den Schlitz der Unterhose heraus. Gerade konnte Frieder seine Hand noch losreißen, bevor Ahmed sie ihm darauf drückte. Frieder drehte sich wortlos auf seinem Klappsitz um und schaute in die andere Richtung.
»Sei doch nicht so«, flüsterte es verführerisch in sein Ohr. »Komm. Wir gehen auf Klo; isch blase disch und dann ficke isch dich hinten rein.« Gleichzeitig hielt der Fremde ihm seinen Zeigefinger unter die Nase und ein fremder Geruch breitete sich in seiner Nase aus. Ein bisschen roch es nach Urin, ein bisschen duftete es süß, ein bisschen streng war es auch. Frieder konnte sich kaum beherrschen.
»Das ist der Liebessaft. Davon gibt es mehr, wenn du mitkommst.«
Noch einmal atmete Frieder tief ein, aber dann riss er sich los.
»Nein! Lass mich. Ich will nicht!« Er schob die Hand von sich weg und beugte sich nach vorne, um seine Erregung unter Kontrolle zu bekommen.
»Feigling!«, zischte der Algerier und drehte sich weg.
leseprobe - Mach uns keine Schand`